




UNFOLDING I 2025 I Art in Architecture I Steel I 2100 x 880 cm
Location: Temporary School "Werneuchener Wiese", Margarete-Sommer-Straße 14, 10407 Berlin
in front of the sports hall's north facade
The steel sculpture offers a reading direction from left to right, with the white elements representing the rigid order of our past—in society and school. Slowly, the steles tilt on both spatial axes and become more colorful, creating first folds. A reference to circuit boards, the little "technological brains", which are responsible for the flow of information in all our electronic devices.
Going further to the right, the elements become even more colorful and organic, intertwining and interacting with each other.
They form networks like in a human brain and come together to form a mutually supportive community. Yet each remains individual, enriching the whole ensemble with its uniqueness. Thus UNFOLDING is a plea for a multicultural society that leaves empty authority and mechanical equal treatment behind and whose members stand up for each other with empathy.
And schools can and should lay a solid foundation for this.
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Das Gebiet um die Werneuchener Wiese bringt eine sehr wechselvolle und schwere Geschichte mit sich. Die zum Ende des 2. Weltkriegs vollkommen zerstörte Ruinenlandschaft wurde Teil der neugegründeten DDR und ging damit vom Nationalsozialismus
in das SED-Regime über. Die brutale Verfolgung "Andersartiger“ sowie nicht Regime-konformer Lebensentwürfe war beiden Diktaturen gemein und so erinnert die Umbenennung der "Werneuchener Straße“ in "Margarete-Sommer-Straße“ an einen Lichtblick in dunkelsten Zeiten, in denen die Namensgeberin mit Mut voranschritt und viele jüdische Bürger*innen vor der Deportation in Konzentrationslager bewahrte. Später in der DDR konnte die Führung schlußendlich der übermächtig werdenden Friedlichen Revolution nicht mehr standhalten und musste kapitulieren.
UNFOLDING nimmt diese historischen Ereignisse auf und setzt sie in Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen und gibt einen Ausblick auf eine gesellschaftliche Utopie.
Die aus 31 Elementen bestehende Skulptur bietet eine Leserichtung von links nach rechts an. Beginnend mit den weißen, freistehenden Stelen am linken Ende findet sich die starre Ordnung unserer Vergangenheit wieder. Das Verlangen nach unbedingtem Gehorsam - sowohl in der Gesellschaft als auch im Schulkontext.
In weißer Farbe gehalten zeigen die Stäbe keine Individualität, sie stehen zwar im Gruppenverband mit den anderen und doch bleibt jede*r für sich. Nach und nach jedoch verändern die Stäbe ihren Standwinkel und es schleichen sich erste Abweichungen
von der starren Geradlinigkeit ein. Die Stelen kippen auf beiden räumlichen Achsen, sie "tanzen aus der Reihe“. Erste Knicke entstehen, Farbe schleicht sich ein und innerhalb der Gruppe entwickeln sich Formen, die eine neue Dynamik aufkommen lassen.
Das neue Formenspiel wirkt lebendiger, jedoch auch mechanisch, technoid und in gewisser Weise wieder streng. Die gelben geometrischen, nach einer bestimmten Logik verlaufenden Falze sind angelehnt an die Optik von Platinen, den "Gehirnen“ verschiedenster Maschinen, die in komplexer Form zum Beispiel in Computerprozessoren verbaut werden. Die technologische Entwicklung in diesem Bereich verläuft immer noch sehr steil und garantiert so eine sich stetig beschleunigende
Informationsverarbeitung und -vernetzung.
Aktuellen Einschätzungen von Michio Kaku, Professor für theoretische Physik, zufolge, ist die Menschheit technologisch gesehen nicht mehr weit vom sogenannten "Mind Uploading“ entfernt, dem Auslagern aller vernetzten Informationen des menschlichen Gehirns. Während laut Kaku hierfür ein Supercomputer der Größe eines Häuserblocks in New York City nötig wäre, kommt ein menschliches Gehirn mit der eleganten Größe zweier geballter Fäuste zurecht, weshalb ich persönlich sehr stark dafür plädiere, weiterhin den Menschen in der Einheit von Körper, Geist und Seele wahrzunehmen.
Der Skulptur weiter folgend, sehen wir eine weitere Verwandlung der Stäbe. Sie werden zunehmens bunter und zum erstem Mal organisch in ihrer Struktur. Aus eckig wird rund, die Stelen winden und verschlingen sich allmählich ineinander. Es kommt zum ersten Mal zu einem Miteinander, zu einer Reaktion auf das Gegenüber. Es findet quasi ein Informationsaustausch statt, ein spielerischer Tanz, in dem sich die verschiedenen Informationsträger miteinander vernetzen um etwas Neues zu kreieren.
Die Elemente verbinden sich zu einer sich gegenseitig stützenden Gemeinschaft, wobei jedoch jedes für sich individuell bleibt und das große Ganze mit seiner Einzigartigkeit bereichert.
Wie ein Rhizom im Wald, wie die Neuronen im menschlichen Gehirn brauchen die Schüler*innen - wie wir alle - ein offenes, unterstützendes Umfeld, das jede*n in ihrer/seiner Einzigartigkeit erkennt und genau diese als nährendes Element, als unabdingbaren Beitrag zu einem größeren Ganzen begreift. Denn nur so können wir alle mit Freude wachsen, kreieren, unsere individuellen Potenziale entfalten und somit wiederum auch der Gesellschaft einen wertvollen Beitrag leisten.
UNFOLDING ist also ein Plädoyer für eine multikulturelle Gesellschaft, die ein buntes, offenes, dabei unbedingt respektvolles und mutiges Miteinander ermöglicht. Eine Gesellschaft, die leere Autorität und sture Gleichbehandlung ein für alle mal hinter sich lässt und deren Mitglieder mit Empathie für einander einstehen. Und dafür kann und sollte Schule ein gutes Fundament legen.